Hippocampus Kolumne 9

Was das mobile Arbeiten und neue Arbeitswelten mit unseren Büros macht, darüber wird aktuell viel diskutiert. Dabei geht es aber oftmals um Zahlen, Daten, Fakten. Wir bei combine denken, dass bei all dem auch der Mensch nicht vergessen werden sollte. Schließlich ist das Büro für die meisten der Ort, an dem der Großteil der Arbeits(lebens)zeit verbracht wird.

In einer regelmäßig im combine Magazin erscheinenden Gast-Kolumne stellt Jan Teunen den Menschen in den Mittelpunkt als inspirierende Gegenthese zur wirtschaftlichen Rationalität.

Von der Kunst, Arbeit in die Fläche zu bringen​

Natürlich sind da immer diese Gegenbeispiele. Das von Leonardo da Vinci etwa, der der Ansicht war, dass Künstler in engen Räumen zu sitzen haben, da auf diese Weise die Fantasie angeregt und die Konzentration gefördert werde. Und das von Martin Luther, von dem bekannt ist, dass er sich immer dann in die Enge der Klosterzelle zurückzog, wenn er versäumte Stundengebete nachholen wollte.

Doch Enge ist lebensfeindlich. Auf Dauer drückt sie auf die Seele. Das erfährt jeder von uns seit seiner Kindheit. Zu eng gepackte Klassenräume schaden dem Lernen und damit den Noten. Zu enge Zoo-Käfige lassen Löwen im Kreis laufen. Zu enge Sitzreihen nehmen uns auf Flugreisen jede Freude. Zu enge Massentierhaltung bietet Viren beste Gelegenheiten sich auszubreiten und der gesamten Zucht zum Verhängnis zu werden. Und, ja, auch zu enge Liebesbeziehungen können toxisch sein. 

An unseren Arbeitsplätzen wird das Wohl und Wehe von Raum und Enge diskutiert, seit es Büros gibt. Blicken wir allein auf die jüngere Vergangenheit seit der letzten Jahrhundertwende, ist ein ständiges Hin und Her zwischen den Extremen zu beobachten. Großzügigkeiten wie Knauserigkeiten mit den Quadratmetern richteten sich nach ökonomischen Höhenflügen oder Megakrisen.

Doch weil es nun die Megakrisen sind, die scheinbar nicht mehr abreißen wollen, sind die Flächen der Arbeit zu jederzeit veränderbaren Variablen der Kosteneinsparung geworden – und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu Leidtragenden, die nach Belieben herumgeschoben werden können. Wo früher großzügige Großraumbüros oder luftige Einzelbüros gewesen waren, muss man nun immer enger zusammenrücken. Das schadet der Arbeit, denn in den wenigsten Unternehmen ist künstlerische Produktivität gewünscht à la da Vinci oder spirituelle Einkehr à la Luther. In einer transformativen Zeit, in der unsere Firmen nicht herauskommen aus ihrer Schwärmerei für die drei goldenen Buchstaben ESG – also dem Implementieren ökologischer, sozialer und ethischer Standards –, will die Unternehmenspolitik der Flächenkosteneinsparung nicht so recht in das neue Gutmenschentum passen.

Ich stelle sogar die Behauptung auf: An der Fläche zeigt sich die wahre Menschlichkeit! Im Umkehrschluss: Werden Flächen nach Gutsherrenart reduziert, ist der ESG-Lobgesang nichts anderes als schlecht geschauspielertes Green- und Social Washing.

Wie der Umgang mit Fläche auch aussehen kann, zeigt sich in der Milliardenbranche der Mode. Der High-Fashion-Anbieter Prada eröffnete in den vergangenen Jahren in Megacities zahlreiche Epicenter auf verschwenderisch großzügigen Flächen. In New York entschied man sich für zum Beispiel für – Achtung! – 7.000 Quadratmeter. Bei diesem expansiven Raumverständnis geht es aber nicht allein um die Größe. Es handelt sich um durchdesignte Erlebniswelten, die den Produkten wie den Mitarbeitern Möglichkeiten zur Entfaltung geben.

Der Erfolg von Unternehmen bemisst sich nicht allein nach ökonomischen Kriterien, sondern nach ihrem Vermögen, gesellschaftlichen und persönlichen Mehrwert zu erzeugen.

Dr. Christoph Quarch

In New York zum Beispiel verbindet eine große ab- und wieder ansteigende Welle das Untergeschoss mit dem Erdgeschoss. Die Läden dieser neuen Generation wurden auf Marke, Stadt und kulturellen Kontext, in dem sie sich eingebettet sind, konzipiert. Prada wollte im Falle von New York bewusst das Konzept klassischer Flagship-Stores vermeiden, da es sich beim Umbau der Immobilie nicht um eine schlichte Vergrößerung des üblichen Geschäfts handeln sollte. Vielmehr ging es darum, das Einkaufserlebnis mit neuen räumlichen Typologien und experimentellen Bereichen zu diversifizieren und damit ein ideales Umfeld zu schaffen für eine besondere persönliche Betreuung der Kunden.

O-Ton Miuccia Prada: „Kultur braucht Raum.“ Nun hat nicht jedes Unternehmen die Power einer Weltmarke wie Prada. Dennoch kann das, was Prada vorführt, Blaupause sein für ein neues Flächenverständnis. Selbst beim familiengeführten Mittelständler. Es geht nicht darum, in hallenartigen Kathedralen zu arbeiten, in denen man bis zum nächsten Mitarbeiter Spaziergänge unternehmen muss.

Es reichen wenige zusätzliche Quadratmeter pro Arbeitsplatz kombiniert mit der Idee eines zentralen großzügig gestalteten Raums, der die klassische Funktion von Marktplatz und Museum übernehmen kann – ein Ort des Austauschs zu sein, der Freiheit vermittelt und die Seele atmen lässt.

 

Jan Teunen ist Co-Autor der Bücher „Officina Humana“ und „Wo die Seele singt“ und Geschäftsführer der Teunen Konzepte GmbH. Als Cultural Capital Producer erarbeitet er für Unternehmen Konzepte, die dazu beitragen sollen, eine nachhaltige Unternehmenskultur zu entwickeln. Laut Teunen erzeugt die Dominanz der rationalen und einseitig auf die Ökonomie zugeschnittenen Arbeitswelt große Reibungsverluste, die die Entfaltung von Kultur behindern. Sein Bestreben ist es, diese Reibung zu reduzieren und damit die Unternehmenskultur und Unternehmen zukunftsfähig zu machen.

Foto Jan Teunen: Hans Schlegel

Weitere Fotos: Unsplash / Priscilla Du Preez, Marco Bianchetti

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